Ein dreiteiliges Interview mit Natalia Lomonosova über kommunale Pflege in der Ukraine

Natalia Lomonosova promoviert an der Freien Universität Berlin. Ihre Forschung befasst sich mit kommunalen Pflegekräften und der Transformation des Wohlfahrtsstaates in der Ukraine während des Krieges. Davor arbeitete sie jahrelang für ukrainische NGOs und führte angewandte Forschung zu Sozialpolitik und vulnerablen Bevölkerungsgruppen durch.
Teil 1: Arbeitsbedingungen in der Pflege – ein strukturelles Problem
Wie ist die ambulante Pflege in der Ukraine organisiert ?
Natalia Lomonosova:
In der Ukraine gibt es – anders als in Deutschland – keine Pflegeversicherung. Die Leistungen werden aus staatlichen und kommunalen Haushaltsmitteln finanziert. Menschen, die Pflege benötigen, haben grundsätzlich zwei Möglichkeiten: die ambulante Hauspflege, bei der Pflegekräfte die Person mehrmals pro Woche besuchen, oder die stationäre Unterbringung in geriatrischen Einrichtungen. Ich forsche vor allem zur ambulanten Pflege.
In den stationären Einrichtungen gibt es erhebliche Menschenrechtsprobleme: Die Einrichtungen sind oft enorm groß – bis zu 800 Personen in einem Haus –, stark unterbesetzt, und die Privatsphäre der Bewohnerinnen und Bewohner ist kaum gewährleistet. Zehn Personen in einem Zimmer sind keine Seltenheit.
Die ambulante Pflege hingegen wird von kommunalen Institutionen aus lokalen Budgets finanziert. Die Pflegekräfte kommen ein- bis mehrmals pro Woche, helfen bei der Körperpflege, beim Einkaufen, beim Kochen und bei bürokratischen Angelegenheiten. Wer allein lebt, erhält diese Leistungen kostenlos; in anderen Haushaltssituationen gibt es Zuzahlungsmodelle.
Wer arbeitet in diesem Bereich, und was verdienen diese Menschen?
Natalia Lomonosova:
Die ambulante Pflege wird überwiegend von Frauen in der zweiten Hälfte ihres Erwerbslebens geleistet – die meisten sind über 45 Jahre alt, viele sind bereits Rentnerinnen, arbeiten aber weiter, weil die Rente zum Leben nicht reicht. Das ist auch ein Ausdruck des in der Ukraine stark ausgeprägten Gender Pay Gaps: Die Altenpflege befindet sich am absoluten Boden der öffentlichen Lohnhierarchie – schlechter bezahlt als Gesundheits- oder Bildungsberufe.
Der Lohn beträgt nach Steuern etwa 150 bis 160 Euro pro Monat. Das reicht schlicht nicht zum Leben. Das Gehalt basiert auf einem veralteten Tarifsystem, das seit Jahrzehnten nicht an die Realität angepasst wurde. Besonders absurd: Selbst Zulagen für das Arbeiten in der Nähe der Frontlinie werden auf den Mindestlohn angerechnet und verringern so die Basiszahlung – am Ende bleibt trotzdem nur das Existenzminimum.
Warum arbeiten Menschen trotzdem in diesem Bereich?
Natalia Lomonosova:
Das ist die häufigste Frage, die mir als Forscherin gestellt wird. Es gibt mehrere Gründe. Erstens einen pragmatischen: Viele dieser Frauen haben keine höhere Ausbildung und können ihre Kompetenzen anderswo – besonders in ländlichen Regionen – kaum einsetzen. Der private Pflegemarkt ist in der Ukraine kaum entwickelt.
Zweitens gibt es eine stark emotionale und moralische Komponente. Viele Pflegekräfte betreuen dieselben Menschen seit Jahren oder Jahrzehnten. Es entstehen Beziehungen, die einer Freundschaft oder sogar einer Familienbeziehung ähneln. Manche Interviewpartnerinnen erzählten mir, dass sie noch Jahre nach dem Tod ihrer Klientinnen und Klienten deren Gräber besuchen. Sie gehen am Haus vorbei und können einfach nicht weiter, ohne kurz zu läuten.
Drittens ermöglicht diese Arbeit eine gewisse Flexibilität: Die Pflegekräfte können ihren Arbeitstag – im Rahmen des Möglichen – so organisieren, dass sie auch ihre eigenen Familienpflichten erfüllen können. Gerade für ältere Frauen, die selbst pflegebedürftige Eltern oder Kinder in der Schule haben, ist das nicht unerheblich.
Gibt es Gewerkschaften, die sich für diese Beschäftigten einsetzen?
Natalia Lomonosova:
Die Situation ist nicht sehr ermutigend. Es gibt zwar eine Gewerkschaft für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, aber ihr Einfluss auf nationaler Ebene ist begrenzt. Eine wirkliche Lohnverbesserung würde eine Überarbeitung des gesamten Tarifsystems für alle öffentlichen Beschäftigten erfordern – das ist politisch sehr komplex.
Was mir in meinen Interviews aufgefallen ist: Jüngere Pflegekräfte hinterfragen ihre Arbeitsbedingungen und ihren Lohn viel stärker als ältere Kolleginnen. Ältere sind oft dankbar, überhaupt eine Stelle zu haben. Ein Wandel könnte also kommen – aber er braucht Zeit.
Teil 2: Pflege auf dem Land – strukturelle Ungleichheit
Wie unterscheiden sich die Bedingungen
zwischen städtischen und ländlichen Regionen?
Natalia Lomonosova:
Die Dezentralisierungsreform, die in der Ukraine nach dem Maidan durchgeführt wurde, hat den Kommunen mehr Eigenverantwortung gegeben – aber auch mehr Aufgaben, als viele mit ihren lokalen Budgets erfüllen können. Besonders in ländlichen Gebieten zeigt sich diese Diskrepanz: Sie verfügen über weitaus weniger Ressourcen als Städte wie Kyjiw, müssen aber denselben gesetzlichen Standard von 18 Sozialleistungen gewährleisten.
Dazu kommt: In ländlichen Gemeinden gibt es meist keine alternativen Anbieter. Nichtregierungsorganisationen wie Caritas sind vor allem in größeren Städten präsent. Wer auf dem Land lebt, ist also fast vollständig auf die kommunale Pflege angewiesen. Gleichzeitig ist die Nachfrage dort besonders hoch: Die jüngere Generation wandert in die Städte ab, und zurück bleiben vor allem ältere Menschen.
Was bedeutet das konkret für die Arbeit der Pflegekräfte?
Natalia Lomonosova:
Das Landleben erfordert ganz andere Tätigkeiten. Es gibt vielerorts keine Zentralheizung und keine Wasserversorgung – also müssen Pflegekräfte Holzöfen anheizen und Wasser schleppen. In vielen Gemeinden gibt es keinen öffentlichen Nahverkehr zwischen den Dörfern. Das Hauptfortbewegungsmittel der Pflegekräfte ist das Fahrrad.
Und das ist kein modernes Fahrrad. Es gibt Institutionen, die den Pflegekräften ein Dienstrad für 25 Jahre zur Verfügung stellen sollen – was natürlich unrealistisch ist. Eigene Autos zu nutzen ist keine wirkliche Option, denn für den Sprit gibt es keine Entschädigung. Das bedeutet: Man arbeitet faktisch umsonst, wenn man die Tankkosten vom Lohn abzieht. In einigen Fällen bitten Pflegekräfte ihre Familienangehörigen, ihnen mit dem Auto zu helfen – zum Beispiel beim Transport schwerer Lebensmitteleinkäufe wie Kartoffelsäcken für den Winter.
In bergigen Regionen wie der Westukraine müssen Pflegekräfte mit dem alten Fahrrad auch noch Höhenunterschiede überwinden, um von einem Klienten zum nächsten zu gelangen. Mit fünf Kilogramm Lebensmitteln auf dem Gepäckträger.
Was fehlt in diesem Bereich am dringendsten?
Natalia Lomonosova:
Das klingt banal, macht aber einen riesigen Unterschied: neue Fahrräder – idealerweise Elektrofahrräder. Mit einem funktionierenden Rad könnte man nicht nur schneller von Klient zu Klient kommen, sondern auch mehr Zeit für das eigentliche Gespräch und die Betreuung haben. Genau das fehlt oft: Zeit.
Im Protokoll der Pflegekräfte ist auch das Gespräch mit den Betreuten offiziell vorgesehen. Aber die Zeit reicht nie. In ländlichen Gemeinden ist das besonders extrem, weil so viel Arbeitszeit für die reine Logistik draufgeht.
Auch Fahrzeuge für Personen mit Behinderungen fehlen stark. Wenn jemand nach einer Verletzung oder durch Kriegseinwirkung eine Behinderung hat und zu Behörden muss – etwa um einen Veteranenstatus zu beantragen –, braucht er oder sie spezielle Transportmöglichkeiten. Die gibt es kaum. Dabei wären solche Fahrzeuge eine Investition, die vielen Menschen zugutekäme: Älteren, Menschen mit Behinderungen und zurückkehrenden Veteranen gleichermaßen.
Teil 3: Pflege im Krieg – Sorge um die Überlebenden, Vertreibung und Alltagsheroismus
Was wissen Sie über die Situation von NS-Überlebenden in der ukrainischen Pflegeversorgung?
Natalia Lomonosova:
Leider gibt es dazu kaum belastbare Daten, denn der Staat erfasst diese Gruppe nicht systematisch. Es gibt ein Gesetz, das bestimmte Kategorien von NS-Opfern anerkennt – etwa Menschen, die in Konzentrationslagern waren, oder Kinder, die unter der deutschen Besatzung leben mussten. Mein Großvater hatte diesen Status.
Aber was ist dieser Status wert? Es gibt kleine Einmalzahlungen, die an Feiertage geknüpft sind – an den Unabhängigkeitstag oder Weihnachten. Die Beträge bewegen sich zwischen 10 und 80 Euro. Dazu kommen einige Sachleistungen wie kostenlose Medikamente oder Zahnarztbesuche – sofern das lokale Budget reicht. Ich bezweifle stark, dass alle Betroffenen diese Rechte auch wirklich in Anspruch nehmen können.
Das Besondere dieser Gruppe ist ihr hohes Alter. NS-Überlebende sind heute 85, 90 oder älter. Sie haben den Zweiten Weltkrieg erlebt, die Sowjetzeit, die Unabhängigkeit, den Euromaidan – und jetzt noch einmal Krieg. Die psychische Belastung ist immens. Und die staatliche Unterstützung ist minimal.
Wie hat der Krieg die Pflegearbeit verändert?
Natalia Lomonosova:
Der Krieg hat zu zwei gegensätzlichen Bewegungen geführt: In den Gemeinden nahe der Front verlassen sowohl Pflegekräfte als auch die jüngere Generation die Region. Zurück bleiben die Alten – allein, mit weniger Unterstützung als je zuvor. In den aufnehmenden Kommunen im Westen des Landes kommen plötzlich viele neue ältere Menschen an, für die die lokalen Budgets ursprünglich nicht geplant waren.
Das Recht auf Sozialleistungen besteht formal auch für Vertriebene. Aber die Realität ist eine andere: Für ältere Menschen ohne Angehörige, die ihnen helfen, gibt es im Grunde zwei Optionen – entweder jahrelang in einer Notunterkunft zu leben, die nicht für ein dauerhaftes Wohnen gedacht ist, oder in einem stationären Heim zu landen, obwohl sie das eigentlich nicht bräuchten. Soziales Wohnen existiert in der Ukraine kaum.
Was erleben die Pflegekräfte persönlich während der Kriegseinsätze?
Natalia Lomonosova:
Die Pflegekräfte arbeiten nach einem sehr eng getakteten Zeitplan. Jede Aufgabe – Körperpflege, Kochen, Einkaufen – hat eine vorgeschriebene Minutenzahl. Und dann kommen Luftangriffe. Der öffentliche Nahverkehr fährt nicht mehr. Geplante Arzttermine werden unterbrochen, wenn alle in den Keller müssen. Und die Pflegekraft steht da: Sie hat noch Menschen, die auf sie warten, aber kann nicht weiter.
Das sind Entscheidungen, die jede einzelne Pflegekraft täglich für sich treffen muss: Gehe ich weiter? Suche ich Schutz? Wie erkläre ich, dass ich nicht mehr rechtzeitig komme?
Noch schwerer wiegen manche Erfahrungen aus den besetzten Gebieten. Als Teile von Gemeinden besetzt waren und die Polizei überprüfen musste, ob Personen, die sich nicht selbst fortbewegen können, noch am Leben sind, baten sie die Sozialarbeiterinnen, sie zu begleiten. Die meisten sagten ja – weil es „ihre Menschen” waren. Was sie manchmal hinter den Wohnungstüren vorfanden, lässt sich sich vorstellen.
Das alles läuft weitgehend unter dem öffentlichen Radar. Die Situation ist noch nicht vollständig dokumentiert, weil vieles aus der Besatzungszeit unter laufenden Ermittlungen steht. Aber was diese Frauen in dieser Zeit geleistet und erlebt haben, ist außerordentlich – und völlig unbeachtet geblieben.
Gibt es Perspektiven auf Verbesserung?
Natalia Lomonosova:
Es gibt einen strukturellen Hoffnungsschimmer: Pflegearbeit wird in der Ukraine als „Hauspflege” bezeichnet, nicht als „Altenpflege” – sie steht also formal auch Veteranen und Menschen mit kriegsbedingten Behinderungen offen. Wenn immer mehr Soldaten mit Verletzungen in ihre Heimatgemeinden zurückkehren und professionelle Unterstützung brauchen, könnte das dem Sektor endlich die politische Aufmerksamkeit verschaffen, die er verdient.
Bisher ist davon wenig zu spüren. In den aktuellen Wiederaufbaudebatten steht die „produktive Bevölkerung” im Zentrum – wer zur Wirtschaft beiträgt. Ältere Menschen, die nicht in die klassischen Kategorien von Arbeit und Unternehmertum fallen, tauchen in diesen Debatten kaum auf. Und damit auch nicht die Menschen, die ihnen tagtäglich helfen.
Ich hoffe, dass sich das ändert. Denn wenn die Veteranen zurückkommen und Unterstützung brauchen – und das werden sie –, werden dieselben Pflegekräfte da sein. Und sie sollten endlich angemessen entlohnt und anerkannt werden.
Das Interview führten Ragna Vogel und Mathis Eckelmann im Dezember 2025 mit Nataliia Lomonosova
Bildquellen
- Tasha Portrait Interview: Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS)
